Erfahrungsaustausch im Klinikum Lüneburg

Bereits zum dritten Mal hatte das Klinikum Lüneburg im November zu einem Erfahrungsaustausch über die interdisziplinäre und interprofessionelle Diagnostik und Therapie der Interstitiellen Zystitis (IC) eingeladen.

Therapeuten, Ärzte und IC-Patienten trafen sich im Hörsaal des Klinikums Lüneburg zu einer interdisziplinären Fortbildung, die wieder gemeinsam mit der Interstitial Cystitis Association Deutschland e. V. (ICA) veranstaltet wurde. Folgende Schwerpunkte wurden vorgestellt:

  • komplementärmedizinische Therapieansätze
  • schmerztherapeutische Behandlungsansätze
  • verwechselbare gynäkologische Erkrankungen
  • das Reizdarmsyndrom und
  • die chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen

Definition und Ätiologie der IC machen Probleme

Zu Beginn der Veranstaltung stellte Dr. med. Björn Kaftan, Oberarzt in der Urologischen Klinik Lüneburg, die bekannte Problematik dieser Seltenen Erkrankung vor: “Nach wie vor wird weltweit lebhaft debattiert, wie sich das Krankheitsbild BPS/IC (chronisches Blasenschmerzsyndrom und interstitielle Zystitis) definiert, zumal - wie bei jeder anderen Erkrankung auch - die akkurate und effiziente Diagnose von der Akkuratesse ihrer Definition abhängt“.

Nach einer Definition der American Urological Association (AUA) handele es sich bei der IC um eine unangenehme Empfindung wie zum Beispiel Schmerzen, Druck und Unwohlsein von mehr als sechs Wochen Dauer. Bei dieser Harnblasenentzündung lassen sich keine Bakterien nachweisen. Die ICS (International Continence Society), die sich mit der Standardisierung der Nomenklatur, der diagnostischen und therapeutischen Verfahren sowie der Entwicklung von Leitlinien rund um die Harninkontinenz beschäftigt, definiert die IC als Erkrankung mit typischen zystoskopischen und histologischen Eigenschaften, ohne diese jedoch weiter zu spezifizieren.

Ein weiteres Problem bei der Diagnostik und Behandlung der IC ist nach Einschätzung von Dr. Kaftan die nach wie vor unklare multifaktorielle Genese. Möglicherweise werden unterschiedliche Erkrankungen aufgrund der gleichen Symptomatik unter einem Krankheitsbild zusammengefasst. Allen diesen Erkrankungen gemeinsam sei offenbar ein chronischer Blasenschmerz (mindestens über sechs Monate andauernd) mit Druckgefühl und Unbehagen. Hinzu komme mindestens ein weiteres Harnwegssymptom wie persistierender Harndrang oder eine erhöhte Miktionsfrequenz.

Kein Zusammenhang zwischen IC und BPS

Basierend auf einer aktuellen Publikation des schwedischen IC-Experten Prof. Magnus Fall sei es nun Zeit, zum Wohle der Patienten mit BPS/IC für eine endgültige Trennung der Begriffe IC und BPS zu sorgen. „Denn die Krankheit IC ist eine genau definierte Entität mit mehreren einzigartigen Merkmalen“, betonte Dr. Kaftan.

Anschließend wurden von Dr. med. Rainer Hennecke, Arzt für Innere Medizin (Winsen), die derzeitigen Kenntnisse zur chronischen Schmerztherapie vorgestellt, unter besonderer Berücksichtigung der therapeutischen Möglichkeiten bei der IC. „Das Ziel der Schmerzbehandlung bei IC-Pateinten ist zunächst die Verringerung der Schmerzen, aber auch eine bessere psychische Verarbeitung der Schmerzen und nicht zuletzt die Reduktion der Toilettengänge in der Nacht. Über die Zusammenhänge zwischen unserer Psyche und unserer Schmerzempfindung sprach der Diplompsychologe Friedrich Malzahn aus Hamburg.

Eine weitere Mitarbeiterin des Klinikum Lüneburg, die Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Dr. med. Tina Priesack, berichtete über die sogenannten „verwechselbaren gynäkologischen Erkrankungen“ im Zusammenhang mit den chronischen Unterbauchschmerzen bei der Frau. Von den etwa 15 in Frage kommenden Erkrankungen seien die Endometriose, die Ovarialzysten, die Uterusmyome und die Adhäsionen von besonderer Bedeutung für den Gynäkologen.

Der Gastroenterologe Professor Dr. med. Torsten Kucharzik (Klinikum Lüneburg) machte deutlich, dass es einen Verbindung zwischen IC und dem Reizdarmsyndrom (IBS) gibt. Denn er sieht ein häufig gemeinsames Auftreten dieser beiden Erkrankungen, was auf eine mögliche pathophysiologische Gemeinsamkeit hinweisen könnte.

Abschließend berichteten die Heilpraktikerin Mareike Reinke (Egestorf) über mikrobiotische Therapieansätze, der Osteopath Arnauld Devos (Adendorf) über seine Erfahrungen mit der Kinesiologie bei der Interstitiellen Zystitis und Jürgen Hensen (Euskirchen) über die Versorgungsmöglichkeiten sowie die derzeitige Versorgungssituation von IC-Patienten in Deutschland.

Psyche und Schmerz sind ein starkes Team

Während ein akuter Schmerz nur als Begleitsymptom einer Erkrankung oder Verletzung auftritt und somit eine Warn- und Schutzfunktion hat, kann sich chronischer Schmerz zur eigenständigen Krankheit entwickeln. Ein kausaler somatischer Auslöser wird häufig nicht gefunden. Das bedeutet, dass dieser chronische Schmerz auch nicht behoben werden kann.

Über den Zusammenhang zwischen Psyche und Schmerz bei chronischen Schmerzpatienten berichtete der Diplompsychologe Friedrich Malzahn aus Hamburg. „Wir benötigen den Schmerz, um zu erkennen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Psychologen behandeln nicht nur den Patienten, sie versuchen auch, etwas mit ihm gemeinsam zu tun. Schmerzpatienten reagieren auf Schmerzen wie auf eine Gefahr. Dies erzeugt Stress und unser Gehirn wird auf Handeln umgeschaltet“.

Jeder Mensch mit chronischen Schmerzen durchläuft vier Phasen:

  • die Phase der Sorglosigkeit
  • die Phase der Vorbereitung
  • die Phase der Handlung
  • die Phase der Aufrechterhaltung

Hat er alle Phasen durchlaufen, fängt er an darüber nachzudenken, was er persönlich tun kann, um seine individuelle Situation zu verbessern. Er probiert verschiedene Maßnahmen aus, die ihm Linderung verschaffen können wie zum Beispiel Entspannungsübungen oder Autogenes Training. oder Muskelentspannung. Da erfahrungsgemäß nicht jeder Mensch für jedes Entspannungsverfahren geeignet ist, gehört es zu den Aufgaben des Psychologen, ihn zu beraten und ihn zu begleiten.

Abschließend stellte der Psychologe Friedrich Malzahn ein Buch über Entspannungsverfahren (Vaitl und Petermann: Entspannungsverfahren) und einen Fragebogen-Katalog (FF STABS) vor, die sich beide in der Betreuung von chronischen Schmerzpatienten als hilfreich erwiesen haben.

Entspannungsverfahren
Das Leben des Menschen ist eingespannt in Zyklen der Anspannung und Lockerung, der Aktivität und der Ruhe. Zu einem Leben, das Anstrengung und Mühe verlangt, gehören Phasen der Ruhe, Entlastung und Entspannung. Wir alle wissen, dass Belastungen, die die Kräfte des Körpers übersteigen, ebenso Schaden anrichten können wie lange Phasen der Passivität und Immobilisation (z. B. aufgrund erzwungener Bettlägerigkeit). Menschen nutzen vielfältige Möglichkeiten, um dem Körper Erholung zu gewähren und Wohlbefinden zu erzeugen. Sie reichen vom Dösen, Abschalten, Ausschlafen, Meditieren bis hin zu Aktivitäten wie Sporttreiben, Tanzen, Singen und Spielen.
Die Anwendung in klinischen Kontexten bringt eine exaktere, im Vergleich zur Alltagssprache differenziertere Auffassung des Konzepts »Entspannung« mit sich. Während im Alltag meist nur das subjektive Gefühl des Entspannt-Seins oder die damit verbundenen Tätigkeiten gemeint sind, unterscheiden professionelle Anwender zwischen vegetativen, hirnelektrischen und interozeptiven Entspannungskomponenten. In diesem Zusammenhang sind auch pharmakologische Aspekte bedeutsam und zu berücksichtigen.
Vaitl und Petermann: Entspannungsverfahren

Angewandte Kinesiologie bei der interstitiellen Zystitis

„Die IC ist eine Krankheit mit vielen Begleitsymptomen. Dank eines speziellen Testverfahrens ermöglicht es die Kinesiologie, wichtige Aspekte schneller zu bearbeiten und den Stress im Körper zu reduzieren“, erklärte der Osteopath und Physiotherapeut Arnauld Devos aus Adendorf. Dies gelte insbesondere für das vegetative Nervensystem. Denn durch die Aktivierung besonderer Reflexpunkte könnten schwache Muskeln wieder normoreaktiv werden. Die Methode sei stark von der chinesischen Medizin geprägt und stütze sich auf diese ganzheitliche Herangehensweise.

Bei der IC werden die Muskeln der Beckenmuskulatur sowie alle mit dem kleinen Becken in Bezug stehenden Muskeln getestet. Ein schwacher Muskel kann durch Dehnung und Kontraktion einige Sekunden lang stark werden. Dieses Phänomen bezeichnet man als Autofazilitation. „Lässt sich diese nicht provozieren, sprechen wir von einer Injury“. Das bedeutet, dass der Körper einen Stress gespeichert und sich anhand eines besonderen Musters organisiert hat. Bei der IC liegt die Injury häufig direkt auf der Blase, sodass jeder Harndrang einen erneuten Stressfaktor darstellt.
Aus diesem Grund sind auch stets Begleitsymptome wie Migräne, Rückenbeschwerden, depressive Verstimmungen, Bauchschmerzen usw. zu finden, betonte Devos.

Bei dieser Therapie wirken Elemente aus der Osteopathie, der manuellen Therapie, dem psychoemotionalen Release und der chinesischen Medizin zusammen, deren Ziel eine Stärkung dieser schwachen Muskeln ist.
Bei sehr geschwächten Patienten kann es schwierig sein, einen aussagekräftigen Muskeltest durchzuführen. In diesen Fällen seien andere Testverfahren besser geeignet, betonte der Therapeut.

Die angewandte Kinesiologie ist ein alternativmedizinisches Diagnose- und Behandlungskonzept aus der Chiropraktik. Sie beruht auf der Annahme, dass sich gesundheitliche Störungen als Schwäche bestimmter Muskelgruppen manifestieren. Zentrales Werkzeug der Kinesiologie zur Diagnose solcher Störungen ist der sogenannte „kinesiologische Muskeltest“.

Die erweiterte Injury-Recall-Technique stellt einen wesentlichen Baustein der Behandlung mit Applied Kinesiology dar. Chronische Beschwerden und ein ausbleibender therapeutischer Erfolg indizierter Therapien gehen häufig auf alte Verletzungsmuster zurück, die im Körper immer noch aktiv sind. Sie verursachen einen "anhaltenden Fluchtreflex" und können so neben chronischer Erschöpfung und instabilem Muskelsystem alle Symptome eines geschwächten Immunsystems verursachen. Die erweiterte "Injury-Recall-Technique" geht in ihrer ursprünglichen Form auf den amerikanischen Chiropraktiker Walther Schmitt zurück. Sie wurde durch die deutschen Ärzte Dieter Becker und Martin Brunck zu einem komplexen Behandlungsweg weiterentwickelt, mit dem verschiedene Aspekte von alten Verletzungsmustern und Traumata effektiv aufgelöst werden können.

Grundlage dieser Technik ist die Beobachtung, dass viele Patienten nach einer Verletzung oder einer Operation nicht wieder die volle Leistungsfähigkeit erlangen. So kann eine Verletzung in der Körper-Erinnerung fortbestehen und auch zu Störungen führen, die vordergründig gar nicht zur Verletzungsregion in Beziehung zu stehen scheinen. Neurologisch gesehen, ist die Verletzung bei diesen Patienten immer noch präsent.

Mikrobiotische Behandlung der IC

Noch bis vor einigen Jahren galt unser Darm als Waisenkind der Wissenschaft. Heute weiß man, dass der Darm ein sehr viel komplexeres Organ ist, als bisher angenommen. Prozesse in der Dünndarmwand sind maßgeblich an der Immunabwehr beteiligt. Durch den therapeutischen Einsatz verschiedener Bakterienstämme, den sogenannten Probiotika, kann der positive Einfluss bestimmter Mikroorganismen auf unser Immunsystem genutzt werden, berichtete die Heilpraktikerin Mareike Reinke aus Egestorf. Probiotika enthalten Darmbakterien, die die gesunde Darmflora wiederherstellen.

Durch die häufige Anwendung von Antibiotika werden bekannterweise nicht nur die pathogenen Keime, sondern auch die sogenannten „gesunden Darmbakterien“ vernichtet. Dadurch kommt es zu einem übermäßigen Wachstum der pathogenen Keine wie zum Beispiel Clostridium difficile und Candida albicans.

 

  • Literatur

    An dieser Stelle geben wir Ihnen Buch- und andere Literaturtipps zum Thema IC und Vulvodynie.

     

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  • Behandlungsmethoden

    Erhalten Sie eine kleine Übersicht über den aktuellen Stand zur Behandlung der IC

     

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  • Ernährungsratgeber

    Mit unserem Ernährungsratgeber zeigen wir Ihnen, wie Ihnen eine Ernährungsumstellung helfen kann.

     

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  • Informationsvideo

    mit der freundlichen Genehmigung von Prof. Ueda können wir Ihnen hier das Video einer Blasenspiegelung bei Interstitieller Cystitis zeigen.

     

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über uns

Der Verein "ICA-Deutschland e. V." - gemeinnützige Gesellschaft und Förderverein Interstitielle Cystitis - wurde am 19.08.1993 gegründet. In Europa ist er der erste vergleichbare Verein und weltweit der zweite nach den USA.

Seit über 20 Jahren kämpft der Förderverein für Interstitielle Cystitis(ICA) für mehr Aufklärung und Information von Ärzten und Öffentlichkeit, initiierte zahlreiche Forschungsprojekte und konnte dazu beitragen, dass sich Diagnose- und Therapiemöglichkeiten deutlich verbesserten.

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