Jahrestagung der Südwestdeutschen Gesellschaft für Urologie

Zur 58. Jahrestagung der Südwestdeutschen Gesellschaft für Urologie folgte der ICA-Deutschland der Einladung des Kongresspräsidenten Univ.-Prof. Dr. med. Axel Haferkamp in die Rhein-Main Metropole nach Frankfurt am Main.

Der diesjährige Kongress stand unter dem Motto „Leuchttürme des Südwestens“. Dies sollte zum einen die Stärken und die großen wissenschaftlichen Errungenschaften der Südwest-Urologie aus den letzten Jahrzehnten widerspiegeln, wie beispielsweise die Weiterentwicklung der Harnableitungen. Zum anderen sollte aber auch auf aktuelle Entwicklungen verwiesen werden. Dazu gehört zweifelsfrei die Weiterentwicklung des Kontinenzzentrums Südwest des Schwarzwald-Baar Klinikums für die Versorgung der IC-Patienten und Patientinnen.

Da im wissenschaftlichen Programm diesmal kein Vortrag über die Interstitielle Cystitis (IC) stattfand, war es die Aufgabe des ICA-Deutschland, Informationen über Diagnostik und Therapie bereit zu stellen.

"Der Aufwand, den der ICA mit einem Informationsstand betreibt ist schon erheblich, doch wenn auf den Kongressen auch nur ein einziger Teilnehmer sich über IC informiert und damit seinen Patienten helfen kann, ist das wieder ein weiterer Schritt nach vorn", sagt Jürgen Hensen.

Von der Stadt Frankfurt am Main, mit ihren Bankentürmen, seiner Hochhausskyline, den Museen, den Shopping Meilen und nicht zuletzt den hessischen Apfelweinwirtschaften war an den drei Kongresstagen vom 21. - 24. Juni 2017 natürlich nichts mitzubekommen. Dafür aber war das Interesse an den Informationen des ICA sehr zufriedenstellend. Die Platzierung des Infostandes des ICA war sehr gut. Ein herzliches Dankeschön der Firma INTERPLAN, die für die gesamte Organisation des Kongresses zuständig war.

bei der Jahrestagung der SWDGU 2017
bei der Jahrestagung der SWDGU 2017

Jahrestreffen in Villingen-Schwenningen

Am 24. September 2016 fand das 11. ICA-Jahrestreffen in Villingen-Schwennigen statt. Es  trafen sich Patienten, Ärzte und Interessierte, um Vorträge von Frau Prof. Dr. Schultz-Lampel, Direktorin des Kontinenzzentrums Südwest am Schwarzwald-Baar Klinikum, und PD Dr. Vahlensieck, Chefarzt der Fachklinik Urologie an der Kurpark-Klinik in Bad Nauheim, zu hören und Fragen zu diesen zu stellen. Frau Prof. Dr. Schultz-Lampel berichtete von dem Krankheitsbild der Interstitiellen Zystitis sowie Therapieempfehlungen, PD Dr. Vahlensieck referierte über die multimodale Therapie während einer Rehabilitation. Die Vorträge werden gekürzt wiedergegeben.

Begrüßung durch Bärbel Mündner-Hensen

Bärbel Mündner-Hensen, Bundesvorsitzende und Gründungsmitglied des ICA-Deutschland e.V., begrüßte zu Beginn die Teilnehmer des Jahrestreffens mit nationalen und internationalen Gästen. Sie bedankte sich bei Frau Prof. Dr. Schultz-Lampel und dem Team des Kontinenzzentrums für die Einladung und die Unterstützung bei der Organisation der Veranstaltung, sowie bei Herrn PD  Dr. Vahlensieck und allen Fördermitgliedern, die den ICA seit vielen Jahren unterstützen. Außerdem wies sie auf die neue Webseite des ICA-Deutschlands (www.ica-ev.de) hin und präsentierte Verbesserungen und Erneuerungen der Webseite.

1.    Vortrag: Frau Prof. Dr. med. Daniela Schultz-Lampel

Symptombild der Interstitiellen Zystitis und Abgrenzung zu verwechselbaren Erkrankungen

Die Zahl der Patienten (15-20%), welche über ständigen Harndrang, häufiges, nächtliches Wasserlassen oder Schmerzen im Blasenbereich berichten nimmt in den vergangenen Jahren stetig zu. Die Patienten haben im Vorfeld häufig viele Arztbesuche verschiedener Disziplinen, bevor sie im Kontinenzzentrum Südwest vorstellig werden. Dabei ist die Interstitielle Zystitis (IC) durch Ausschluss Diagnose zu diagnostizieren (Anamnese-Gespräche, Schmerzprotokolle, Urinuntersuchungen, Ultraschall, Blasenspiegelung, Blasendehnung in Narkose (Hydrodistension) oder Gewebeproben (Biopsie)), d.h. es sollten schwerwiegende Erkrankungen ausgeschlossen werden. Bei vielen der vorstelligen Patienten handelt es sich um eine Blasenfunktionsstörung oder bei Betroffenen ist bei genauer  Untersuchung die Lokalisation des Schmerzes auf andere Bereiche zurückzuführen. Bei Lokalisation des Schmerzes in der Blase kann es sich um eine IC handeln, welche ein eigenständige Erkrankung darstellt. Bei einer IC wird häufig beobachtet, dass die Glykosaminglykanschicht der Blasenschleimhaut beschädigt ist und dadurch reizende und toxische Bestandteile des Urins in tiefere Blasenschichten vordringen können, was zu einer Entzündung des Organs führt. Dies kann in einem Schmerzkreislauf resultieren, da die ständige Reizung zu einer Überaktivität von Nerven führen kann und in einem chronischen Krankheitsverlauf resultieren kann. Die IC kann somit zu einer diffusen Störung zentraler, autonomer und sensorischer Prozesse führen. Bei vorstelligen  jungen Frauen sollte eine Infektion mit Chlamydien, Ureaplasmen usw. ausgeschlossen werden, da auch diese ähnliche Symptome verursachen können. Dies ist auch der Fall für Patienten, welche eine Hormontherapie gegen Brustkrebs erhalten haben. Auch nächtliches Zähneknirschen kann ein Grund für ähnliche Symptome darstellen. Das Krankheitsbild der IC ist nach wie vor in der Öffentlichkeit wenig bekannt und wenige Ärzte sind gut mit dem Krankheitsbild vertraut, da es sich um eine seltene Erkrankung handelt.

Ist die Diagnose IC sichergestellt, ist zu beachten, dass viele Patienten Begleiterkrankungen wie, Müdigkeitssyndrom (CFS), Fibromyalgie, Reizdarmsyndrom, Angstzustände oder Depressionen etc. zeigen. Es ist wichtig auch diese Begleiterkrankungen zu behandeln. Die Einschränkungen die mit dieser Erkrankung einhergehen sind meist sehr belastend und schränken die Lebensqualität der Betroffenen ein. Es sollte somit auch ein Augenmerk auf eine Verbesserung der Lebensqualität gelegt werden.

Therapie

Nach der Diagnose ist es von Vorteil eine multimodale Stufentherapie durchzuführen, bei welcher mit wenig invasiven Verfahren begonnen wird und die Wirksamkeit stetig überprüft wird, bis eine Besserung der Symptome eintritt. Dies ist vom Schweregrad der Erkrankung und der Erkrankungsdauer abhängig. Für eine erfolgreiche Therapie ist eine genaue Anamnese unverzichtbar, um die Symptomatik am besten zu kontrollieren. Blaseninstillationen zeigen dabei eine effektivere Wirksamkeit gegenüber oralen Medikationen. Die Wirksamkeit der verschiedenen zur Verfügung stehenden intravesikalen Medikamente ist dabei individuell von der betroffenen Person und dem Krankheitsverlauf abhängig. Die Instillation dient einem Aufbau der Glykosaminoglykanschicht der Blase.

Weitere Therapiemöglichkeiten:

  • Allgemeinmaßnahmen: z.B. Diät, Physiotherapie
  • Orale Medikation
  • EMDA® (Blaseninstillation mit Elektrophorese)
  • Alternative Behandlungsverfahren
  • Botolinumtoxin-Injektion
  • Ausschälung von Ulzera
  • Operative Therapie (Neuromodulation, Zystektomie)

Mit guter Diagnostik werden unnötige Therapieschritte umgangen und gezielter behandelt. Nach einer Diagnose bietet eine Rehabilitation einen möglichen Behandlungserfolg.

2.    Vortrag von PD Dr. Winfried Vahlensieck

PD Dr. Vahlensieck setzt sich vor allem mit der Frage auseinander, wie der Genesungsprozess bei IC verbessert werden kann und welche Möglichkeiten eine stationäre Rehabilitation bieten kann.

Behandlungsziele in der Reha

Das charakteristische der Rehabilitation ist eine multimodale Therapie. Das bedeutet, dass verschiedene Maßnahmen während eines Aufenthaltes durchgeführt, bewertet und kombiniert werden. Eine ausführliche Anamnese stellt dabei den Grundpfeiler einer erfolgreichen Therapie dar. Ziel ist es einen individuellen Therapieplan zu erstellen, um die verschiedenen Facetten der Erkrankung zu erfassen und zu analysieren. Basierend auf diesen Daten lassen sich Ziele der Therapie ableiten und verwirklichen. Die Symptomatik des Schmerzes sollte verringert werden und gleichzeitig sollte eine Erhöhung der Blasenkapazität erreicht werden. Die gegebenenfalls vorhandenen Begleiterkrankungen sollten ebenfalls analysiert und wenn möglich mit behandelt werden.

Die psychische Belastung der Patienten ist dabei vom Charakter des Betroffenen abhängig und sollte je nach Ausprägung mit in den Therapiezielen definiert werden. Da eine Heilung der IC nicht häufig zu erzielen ist, ist es wichtig die Lebensqualität zu verbessern und den Umgang mit Krankheitsschüben zu erlernen.

Therapie

In der Rehabilitation werden verschiedene Behandlungsmöglichkeiten kombiniert, dabei werden herkömmliche Therapien und unkonventionellere Ansätze angeboten. Ein IC-Therapieplan besteht aus einem angepassten Grundprogramm und individuellen Maßnahmen.  Ansatzpunkte der stationären Rehabilitation bei IC sind Schmerzverringerung, Veränderung der Schmerzwahrnehmung, Änderung zentraler neuronaler Erregungsmuster, Verringerung von Muskelatrophie und Muskelhartspann, verbesserte Durchblutung, Diätberatung und Neutralisierung ursächlicher Faktoren. So wird es Patienten ermöglicht aus dem Teufelskreis von Schmerzen, Zwangshaltung, schlechter Durchblutung und daraus resultierenden Stoffwechselvorgängen herausfinden.

Schmerz und Schmerztherapie

Schmerztherapie in der Reha

  • Analgetika (Schmerzmittel)
  • diadynamischer Strom (Niedrigfrequenz)
  • Beckenbodentraining
  • Biofeedback
  • Wärmepackungen Unterbauch
  • Massagen
  • entspannende Wannenbäder
  • Trigger Punkt Massagen
  • Muskelrelaxaxion nach Jakobsen

Charakteristisch bei chronischen Schmerzen ist, dass der Schmerz seine Warnfunktion verloren hat. Häufig ist der Schmerz bei IC-Patienten auf einer subjektiven Skala im unerträglichen Bereich und Schmerztherapie in der Reha wird quälender als ständiger Harndrang empfunden. Die Schmerztherapie ist erstattungsfähig durch die Krankenkasse. Grundsätzlich kann zwischen zwei Arten von Schmerzen unterschieden werden. Der Schmerz, der vom Organ ausgeht und der neuropathischer Schmerz, bei dem die Nerven selbst betroffen sind. Studien zeigen, dass die beiden Arten des Schmerzes in etwa gleich oft vor zu finden sind. Die Behandlung des Schmerzes ist im Folgenden von der Klassifikation abhängig und erfolgt nach dem WHO-Stufenschema.

Heparin-Instillation

In Bad Nauheim werden IC-Patienten mit einer Mischung aus Lidocain und Heparin behandelt.

EMDA

Bei der EMDA-Therapie werden mit Hilfe eines elektrischen Feldes schmerzfrei über einen in die Harnblase eingelegten „Spezial“-Katheter Medikamente gezielt in tiefere Gewebeschichten der Harnblase instilliert.

Ernährung als Schmerzauslöser

Es ist ein Phänomen, dass Ernährung eine so unterschiedliche Rolle bei IC Patienten spielt. Manche Patienten zeigen keine Krankheitsschübe durch den Konsum von Nahrungsmittel, während andere Patienten genau definieren können, welche Lebensmittel die Symptome bei ihnen auslösen (Ernährungsratgeber des ICA).

Arbeiten und Schwerbehinderung mit IC

Bei einer Schrumpfblase (unter 100 ml Blasenkapazität) können Patienten einen Schwerbehindertenausweis mit mindestens 50 % Schwerbehinderung beantragen. Grundsätzlich sind Patienten noch arbeitsfähig, wenn die Umstände der Arbeit es zulassen, also beispielsweise eine Toilette in der Nähe und der Schmerz erträglich ist.

Wie stellt man einen Reha-Antrag?

Stellt der Patient einen Reha-Antrag, wenn dieser noch berufstätig ist, ist die Rentenversicherung zuständig. Ist der Patient Rentner, ist die Krankenkasse zuständig.

Den Antrag sollte der Hausarzt oder der Urologe stellen. Es sollte erwähnt werden, dass der Patient viele ambulante Verfahren ausprobiert hat, ohne dass eine nennenswerte Verbesserung eingetreten ist. Außerdem sollte angemerkt werden, dass die Beschwerden sehr stark lebensbeeinträchtigend sind.

Nach § 9.1 können Patienten die Reha-Klinik selbst wählen. Da aktuell nur die Kurklinik Bad Nauheim auf IC spezialisiert ist, ist diese eine der Kliniken der Wahl bei IC-Beschwerden.

 

ICA-Jahrestreffen in Köln

Am 2. April 2016 fand in Köln das Jahrestreffen des Fördervereins Interstitielle Zystitis (ICA Deutschland e.V.) in den Räumlichkeiten der Klinik links vom Rhein statt. Schwerpunkte der Vorträge waren einerseits schulmedizinische und alternative Therapieansätze der Interstitiellen Zystitis (IC), andererseits jedoch auch die Frage, was der Patient selbst zur Therapie beisteuern kann.

Referenten waren Vereinsgründerin Bärbel Mündner-Hensen aus Euskirchen,  Dr. Rudolf Stratmeyer, Facharzt für Urologie in der Klinik links vom Rhein (Köln), Dr. Alois Wördehoff, (Euskirchen) bis vor kurzem niedergelassener Arzt mit dem Schwerpunkt Allgemeinmedizin, Urologie, Schmerztherapie und ganzheitliche Medizin sowie Dr. Sigrid Tapken (Bonn), Fachärztin für Urologie, Naturheilverfahren, Ernährungsmedizin und Mikrobiologische Therapie.
Dr. Rudolf Stratmeyer und Dr. Alois Wördehoff sind Mitglied des Medizinischen Beirates des ICA-Deutschland.


1. Vortrag: Dr. Rudolf Stratmeyer über IC aus schulmedizinischer Sicht und neuste wissenschaftliche Erkenntnisse

Dr. Stratmeyer hält seinen etwa einstündigen Vortrag aus der Perspektive der Schulmedizin. Auf der Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse und seiner jahrzehntelangen Erfahrung als praktizierender Urologe und Mitglied des ICA Deutschlands e.V. erläutert er Ursachen und Therapiemöglichkeiten der IC. Gleich zu  Anfang weist er darauf hin, dass auch für ihn als Mediziner die IC noch immer eine seltsame Erkrankung sei. Ein besonderer Dank gelte daher dem ICA Deutschland e.V., durch welchen die Krankheit in Deutschland mehr wahrgenommen werde. So bräuchte es mittlerweile nicht mehr ganz so viele Jahre zur Diagnose IC.

Die Diskussion darüber, ob die IC in Bladder Pain Syndrom (deutsch: Blasen Schmerz Syndrom) umbenannt werden soll, sieht er sehr kritisch. Auch wenn die Bezeichnung Interstitielle Zystitis die Krankheit nicht genau treffe, sei diese mittlerweile einigermaßen bekannt. 

Ursachen und Krankheitsentstehung

Trotz jahrelanger Forschung sei noch immer unbekannt, welche Ursachen für die Krankheitsentstehung verantwortlich sind. Klar sei nur: Eine wesentliche Rolle spielt die Mastzelle, welche Histamin im Körper aussendet und damit allergische Reaktionen verursacht. Als Folge entstehen in den Zellen der Blasenwand Defekte, Reizstoffe können in tiefere Schichten eindringen und dort Entzündungen verursachen. Das ist, was heute im urologischen Lehrbuch steht. Dr. Stratmeyer erinnert jedoch auch daran, dass Patienten immer Menschen mit vielen miteinander kommunizierenden Organen sind. Daher plädiert er für einen ganzheitlichen diagnostischen Ansatz.

Studie zur Versorgungsforschung

Im Jahr 2010/2011 gab es eine Studie zur Versorgungssituation von IC-Patienten, bei welcher unter Anderem Ursachen, Symptome, Krankheitsentstehung und Behandlungserfolge bei IC-Patienten erfragt wurden. (Einsehbar auf der Webseite des ICA Vereins Deutschland)

Auch wenn nur wenige Patienten angaben, dass sie die Ursache ihrer IC in sexuellen Traumata sehen, müsse grundsätzlich auch immer über psychologische  Betreuung der Patienten nachgedacht werden, so Dr. Stratmeyer. Dabei  gehe es aber nicht darum, Patienten in die „psychische Ecke“ zu stecken, sondern Dinge aufzuarbeiten, die eventuell mit der IC im Zusammenhang stehen.

Diagnostik der IC

Um die Diagnostik der IC und anderer Blasenerkrankungen zu erleichtern, sollten Patienten ihren Leidensweg visualisieren, indem sie ein Schmerztagebuch führen. (Download auf Webseite des ICA Vereins Deutschland). Dieses könne für Ärzte wichtige Hinweise liefern.

Dr. Stratmeyer spricht sich in seinem Vortrag zudem für den Kaliumtest aus, bei welchem Kalium in die Blase eingebracht wird. Auch wenn dieser nach den amerikanischen Richtlinien keine Verwendung mehr findet, sei er doch hilfreich um festzustellen, ob die Blase ein „Leck“ habe. In Europa ist zur Diagnose der IC außerdem die Dehnung in Narkose notwendig, um zu prüfen ob die Blasenschleimhaut blutet und wie groß das Blasenvolumen ist. In Amerika ist das eher unüblich, dort wird die Diagnose IC anhand der Symptome gestellt.

Das Problem sei jedoch nach wie vor, so Dr. Stratmeyer, dass es keine Standardverfahren gebe: Meist wisse man nicht, wodurch die IC wirklich verursacht werde.

Therapie der Schulmedizin und Alternativen

Die Ziele der Schulmedizin seien in erster Linie: Schmerzen verringern, Blasenkapazität steigern und auslösende Faktoren durch Medikamente bekämpfen. Man dürfe jedoch nicht vergessen, dass die IC keine akute sondern eine chronische Erkrankung sei, welche die Patienten mit guten und schlechten Phasen ein Leben lang begleite. Meist erreiche man durch Therapie nicht ein Verschwinden der Symptome, sondern nur einen erträglichen Zustand für den Patienten.

Gemäß dem amerikanischen Stufenprinzip sollte man in der Therapie oben anfangen, so Dr. Stratmeyer. Das bedeutet, an erster Stelle steht die Frage: Was kann ich als Patient selbst machen? Welche Lebensgewohnheiten kann ich ändern und dadurch meine Situation verbessern? Das kann beispielsweise eine Ernährungsumstellung sein, ein besseres Stressmanagement durch Entspannungsverfahren, eine Therapie oder alternative Methoden wie Akupunktur. Dr. Stratmeyer zeigt sich davon überzeugt, dass Patienten meist selbst einschätzen können, was ihnen gut tut.

In den meisten Fällen müsse zusätzlich ein Schmerzmittel eingesetzt werden, welches jedoch immer ganz individuell und nach Absprache mit einem Schmerztherapeuten eingenommen werden sollte  ?  auch hier gibt es keine Standardtherapie, jeder IC-Patient reagiert anders auf Medikamente. Dr. Stratmeyer erwähnt in diesem Zusammenhang, dass Morphine mittlerweile auch für nicht-Tumor-Schmerzen zugelassen seien. 

Auch bestimmte Antidepressiva wie Amitriptylin oder Mirtazapin zeigen bei einigen Patienten eine schmerz- und drangstillende Wirkung. Wichtig ist nach Dr. Stratmeyer jedoch Folgendes: Aufgrund der teils starken Nebenwirkungen sollte man immer mit einer sehr niedrigen Dosierung von einigen Tropfen einsteigen, und diese nur langsam steigern.

Eine vergleichsweise gute Erfolgsrate von etwa 60 % haben Instillationen in die Blase, beispielsweise mit Hyaluronsäure, Chondroitinsulfat oder Pentosanpolysulfat. Gute Erfolge werden auch mit der EMDA-Therapie erzielt (in der Blase wird ein Spannungsfeld erzeugt und Medikamente so in tiefere Gewebeschichten transportiert).

Vortrag: Dr. Alois Wördehoff über Therapeutische Alternativen und Möglichkeiten der Selbstorganisation bei IC

Dr. Alois Wördehoff hat sich in seiner Funktion als Urologe, Schmerztherapeut und Naturheilmediziner immer mit dem Krankheitsbild der IC beschäftigt. In seinem Vortrag geht er auf die vielfältigen Ursachen der IC ein und skizziert vor allem Möglichkeiten der Ursachenbekämpfung, welche der Patient selbst leisten kann. Ziel seines Vortrages ist demnach, therapeutische Alternativen bei IC in den Fokus zu rücken und zu zeigen, wie man sich als Patient mit der Krankheit organisiert.

Ähnlich wie Dr. Stratmeyer sieht Dr. Wördehoff vor allem zwei Probleme: Da die Ursachen der Krankheit erstens noch immer weitestgehend unklar seien, fehlten nach wie vor heilende Therapieansätze. Zweitens seien Ärzte zu blasenorientiert und sehen bei der Diagnose und Therapie nicht den ganzen Menschen.

Die palliative Methode als alleinige Zielsetzung der Therapie, also das Schaffen eines „schützenden Mantels“, ist für Dr. Wördehoff jedoch falsch bzw. nicht ausreichend. Betrachte man die Erfolgsergebnisse der letzten Jahre, seien die Ansprechraten am Anfang der Behandlung zwar recht gut (70-80%), reduzierten sich im Laufe der Zeit jedoch auf nur noch 30-40 %. Dass sei nicht viel mehr als die Wirkung von Placebo-Medikamenten. Als Konsequenz dieses unbefriedigenden Zustandes müsse nach weiteren Behandlungsmöglichkeiten gesucht werden. Dabei seien jedoch immer auch die Patienten zur Mithilfe gefordert.

Ursachen und begünstigende Faktoren der IC

Im Laufe der Zeit haben sich nach Dr. Wördehoff folgende Schwachstellen gezeigt, die auf die Blase einwirken können:

  1. Stress
  2. Störung im Mineralhaushalt
    Die Störung des Mineralhaushaltes ist vor allem abhängig von Ernährung und Sport. Zu beachten sind beispielsweise Magnesiummangel (führt zur Verkrampfung der Muskulatur), Zinkmangel (Schleimhäute können undicht werden), Eisenmangel, Natriummangel oder Kaliummangel.
  3. Gewebeübersäuerung hauptsächlich durch falsche Ernährung
    Gewebeübersäuerung folgt hauptsächlich aus einer falschen Ernährung, d.h. aus Nahrungsmitteln wie beispielsweise Fleisch oder Brot, welche der Körper sauer verstoffwechselt. Dies ist jedoch trotz allgemeiner Empfehlungen sehr individuell. 
  4. Durchblutungsstörungen und Kälte
    Als elementaren und sehr wichtigen Punkt beschreibt Dr. Wördehoff Durchblutungsstörungen. Vor allem seitdem das durchblutungsfördernde Mittel Pentosanpolysulfat zur Behandlung der IC eingesetzt wird, weiß man, dass eine verbesserte Durchblutung des Unterleibes zur Wiederherstellung des Blasengewebes führen kann. Den Mechanismus beschreibt Dr. Wördehoff wie folgt: Bei Verbesserung der Durchblutung wird mehr Sauerstoff zur Blase transportiert. Die Blasenschleimhaut wird somit besser ernährt und kann regenerieren. Die ursprüngliche Annahme, dass Pentosanpolysulfat einen schützenden Schleimfilm auf die Blase legt, ist somit falsch.
    Ursache für Durchblutungsstörungen ist nach Dr. Wördehoff in erster Linie Kälte. Es liegt daher am Patienten, durch geeignete Kleidung (z.B. dicke Socken und lange Unterhosen) sowie Nahrungsmittel Kälte möglichst vom Körper fern zu halten. Auch Kälte im Schlafzimmer dürfe man nicht unterschätzen: Durch die Angewohnheit vieler Menschen, bei offenem Fenster zu schlafen, wird der Körper nachts immer wieder kalt. Der Körper speichert diese Kälte und steuert durch eine Verkrampfung der Muskeln und Gefäße dagegen. Die Folge ist wiederum eine Mangel an Sauerstoff auch im Unterleib.
    Aber auch Verletzungen, beispielsweise durch einen Unfall oder eine Operation können erfahrungsgemäß auslösende Faktoren für die IC sein.  Aus diesem Grunde sollten Operationen gut abgewogen und so minimal wie möglich gehalten werden.
  5. Störung der Darmflora
  6. Gewebeentzündung 
  7. Fehlsteuerung des Nervensystems
  8. Gewebeverletzungen
    Verletzungen in der Muskulatur verursachen eine Ausschüttung von Botenstoffen – ein Mechanismus beginnt, an dessen Ende eine Mangelversorgung des Gewebes steht. Dazu reichen bereits minimale Muskelverletzungen, wie sie beispielsweise an der Wirbelsäule durch häufiges Sitzen im Büro entstehen können.
  9. freie Radikale (bei Fehlernährung oder Entzündung)
    Durch Fehlernährung oder Entzündungen (auch unbemerkte „schlafende Entzündungen“) werden im Körper freie Radikale ausgesendet, welche als Botenstoffe die Nerven reizen. Dies führt zu dem bereits beschriebenen, immer gleichen Mechanismus: Die Muskulatur verkrampft, Gefäße verengen sich, Organe werden nicht ausreichend mit Sauerstoff und anderen wichtigen Stoffen versorgt. Derselbe Ablauf kann auch zu verwandten Erkrankungen wie Morbus Chron oder Migräne führen – je nachdem welches Organ eines Menschen „geschwächt“ ist.

Weitere häufige Ursachen der IC

Als häufige Ursachen der IC nennt Dr. Wördehoff außerdem Wirbelsäulenerkrankungen (hängen häufig mit Blasenproblemen zusammen oder werden durch eine Fehlschaltung im Gehirn fälschlicherweise als Blasenprobleme wahrgenommen), Becken- und Muskelerkrankungen, psychische Belastungen, gynäkologische Erkrankungen, Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Schadstoffbelastung sowie wiederkehrende Harnwegsinfekte (z.B. durch ständige Antibiotikagabe). Aufgrund der vielfältigen Zusammenhänge und Wechselwirkungen mit anderen Beschwerden ist es nach Dr. Wördehoff besonders wichtig, den gesamten Menschen mit all seinen Problemen ganzheitlich zu betrachten und auch zeitliche Zusammenhänge zu Problemen in anderen Bereichen auszumachen.

Vielschichtige Behandlung

Die IC müsse daher immer vielschichtig, bzw. multimodal behandelt werden. Zuallererst aber müsse der Patient selbst herausfinden, welche auslösenden Faktoren er meiden kann. Der Patient sollte also zunächst nach Ursachen der Krankheit suchen. Hilfreich dabei sei, Erkenntnisse, wie beispielsweise schmerzauslösende Lebensmittel, schriftlich in einem Tagebuch festzuhalten. Circa 50 % Behandlungserfolg könne allein dadurch erreicht werden. Ordnungstherapie bedeutet dementsprechend, Tagesstrukturen zu überdenken und neu zu ordnen.

Bei besonders schweren IC-Fällen stehe dagegen im Vordergrund, mit Hilfe eines Schmerztherapeuten den Patienten so weit zu stabilisieren, dass dieser wieder Alltagsaktivitäten wahrnehmen könne. Dabei könne es notwendig sein, direkt mit stärkeren Schmerzmitteln wie Opiaten in die Behandlung einzusteigen.

Diät und Histamin

Es gibt potentiell schmerz- und entzündungsauslösende Nahrungsmittel. Meistens steht die Unverträglichkeit im Zusammenhang mit dem Botenstoff Histamin (besonders als „Fäulungsmittel“ in reifen Nahrungsmitteln vorhanden). Daher sollten Lebensmittel, so Dr. Wördehoff,  immer frisch oder tiefgefroren sein. Meiden sollte man Dosennahrung. 

Das Enzym DAO (Diaminoxidase) baut Histamin im Körper ab. Bei einer kranker Magenschleimhaut beispielsweise kann DAO nicht ausreichend gebildet werden. Ein weiteres Problem ist Alkohol: Dieser lähmt das Enzym (ähnlich wie manche Medikamente, bspw. Amitriptylin). Daher ist es auch wichtig, bei diesem Medikament mit niedriger Dosierung einzusteigen. 

Schmerz und Psyche

Dr. Wördehoff weist darauf hin:  Schmerz ist immer ein dynamischer Prozess, bei dem verschiedenste Faktoren zusammenspielen. Diese sind beispielsweise biologischer, psychischer und sozialer Natur. Da alle schmerzauslösenden Faktoren beseitigt werden sollten, muss immer auch eine Psychotherapie (z.B. Verhaltenstherapie, psychodynamische Therapie oder Gesprächstherapie) in Betracht gezogen werden. Häufig haben traumatische Erlebnisse oder falsche Vorstellungen Einfluss auf die IC. Negative Gefühlszustände, die sich auf die IC auswirken können, sind nach Dr. Wördehoff auch Überforderung, Zorn, Kummer, Frustration, Streit, unrealistische Erwartungen, Wut und Verletzung. 

Anders als Dr. Stratmeyer ist er Meinung, dass in einigen Fällen IC heilbar ist. Er beendet seinen Vortrag mit einem Zitat von Dr. Bach: „Die Krankheit verlässt den Schüler, wenn die Lektion gelernt ist.“ 

2. Vortrag: Dr. Sigrid Tapken über Organ-Cross-Talk und Mikrobiologische Therapie

Die letzte Referentin des Tages ist die ausgebildete Urologin Dr. Sigrid Tapken aus Bonn, die im Laufe der Zeit ihr medizinisches Fachwissen durch Weiterbildungen in den Bereichen Naturheilverfahren, Ernährungsmedizin und spezielle mikrobiologische Therapie erweitert hat. Außerdem ist sie Mitglied im Verein Beckenbodengesundheit.

Auch Dr. Tapken betont gleich zu Anfang ihres Vortrages, dass nur Ärzte und Patienten gemeinsam ein Ziel erreichen könnten. Die Hauptarbeit müssten dabei aber die Patienten leisten. Sie skizziert typische Patientengeschichten, die Sie in ihrer Praxis erlebt hat. Damit zeigt sie, dass die Verläufe der Krankheit einerseits häufig ähnlich sind, andererseits aber auch immer individuell. Parallelen seien oft, dass der Leidensweg der Patienten mit wiederkehrenden Harnwegsinfekten und wiederholter Einnahme von Antibiotika beginnt und mit dauerhaften Schmerzen weitergeht. Auch Dr. Tapken unterstützt die These, dass die Krankheit häufig etwas mit ausgeprägter Mastzellenaktivität zu tun habe.

Als Hypothesen zur Ursache und Entwicklung des Blasenschmerzsyndroms nennt Sie:

  • Defekt der GAG-schicht
  • Mastzellaktivierung
  • Autoimmunologisch
    Rheumapatienten haben häufig IC typische Symptome, die genaue Zusammenhänge kennt man jedoch noch nicht
  • Neurologisch (erhöhte Nervenfaserdichte)
  • Vaskulär (verminderte Durchblutung)
  • Infektiös (Toxine von Bakterien, Viren, Pilze)
    Eine starke bakterielle Blasenentzündung kann beispielsweise eine IC auslösen

Dr. Tapkens Anliegen ist es  – ähnlich der zwei Referenten vor Ihr – die wechselseitigen Zusammenhänge im Körper zu verdeutlichen. So seien meist zahlreiche Komponenten wie beispielsweise Infektionen, Stress, Hormone, Genpool (mikrobiologisch) bei der Entstehung von Krankheiten beteiligt. Sie nennt dies Organ-Cross-Talk. Wünschenswert wäre es, so Dr. Tapken, dass alle Ärzte über den Tellerrand ihres Fachgebietes schauen würden.

Alternativen und Erfahrungsmedizin

Dr. Tapken spricht sich in ihrem Vortrag positiv über Erfahrungsmedizin und alternative Methoden aus, auch wenn es zweifelhafte komplementärmedizinische Ansätze gäbe. Die Erfahrungsmedizin zählt zur evidenzbasierten Medizin und bedeute, dass der Patientenwunsch und die Erfahrung des Arztes elementar zur Therapie gehört. Ganz wichtig sei jedoch, dass Naturheilverfahren nicht ohne die Kenntnis der Schulmedizin praktiziert werde, da letztere die Basis darstelle.

Neben der Ordnungstherapie, welche bereits von Dr. Wördehoff erläutert wurde, betont Dr. Tapken auch die Relevanz der Pflanzenheilkunde (Phytotherapie). So wirke Goldrute beispielsweise entspannend, entzündungshemmend und diuretisch, Meerrettich antibakteriell.

Weitere mögliche Behandlungsoptionen im Zusammenhang mit Blasenerkrankungen seien außerdem Akupunktur und Ernährungsmedizin.

Mikrobiologische Therapie

Dr. Tapkens Hauptthema ist die Mikrobiologische Therapie. Diese könne bei einer Vielzahl von Krankheiten helfen, unter anderem auch bei der IC oder bei chronischen Harnwegsinfekten. Der Arbeitskreis Mikrobiologische Therapie (AMT e.V.) bildet Ärzte in diesem Gebiet weiter.

Seit vielen Jahrzehnten sei bekannt, dass jede Krankheit nur mit Beistand des Immunsystems therapiert werden könne – und dieses wird hauptsächlich im Darm gesteuert. Ein wichtiges Anliegen der Referentin ist es daher zu zeigen, wie wichtig ein intaktes Darmsystem auch für die Heilung chronischer Krankheiten wie IC ist.

Was passiert, wenn das Darmsystem gestört ist? Bei einem Defekt der Darmschleimhaut können Reizstoffe, die eigentlich ausgeschieden werden sollten, in umliegendes Gewebe eindringen. Dort führen sie zu entzündungsähnlichen Zuständen und es folgt eine Reaktionen des Immunsystems, der Nerven und auch der Psyche – wir werden krank. Da alle Schleimhäute im Menschen zusammenhängen und über Botenstoffe kommunizieren, wirken sich diese Entzündungen im gesamten Körper aus. Die Folgen können Autoimmunkrankheiten sein.

Die eigentlich schützende Schicht im Darm und auch in der Blase wird von Bakterien produziert und ist für einen optimalen Verdauungsablauf im Körper zuständig. Ideal sei es daher, das mikrobiotische System schon in frühen Jahren zu trainieren und so für ein Gleichgewicht zu sorgen. Dies geschieht auch beispielsweise durch Stillen und eine natürliche Geburt.

Wird ein aus dem Takt gekommenes Darm- bzw. Schleimhautsystem wieder reguliert, könne auch die defekte Blasenwand davon profitieren.

Antibiotika: Fluch und Segen zugleich

Als großes Problem sieht Dr. Tapken den sorglosen Umgang mit Antibiotika, welche das mikrobiotische System aus dem Gleichgewicht bringen und weltweit zu einer gefährlichen Resistenzlage geführt haben. Auch wenn Antibiotika in manchen Fällen unumgänglich und sehr hilfreich seien  ?  aus zuvor genanntem Grund plädiert sie für einen sparsamen und bewussten Einsatz. Immer sollte gleichzeitig auch über alternative, nebenwirkungsarme Therapien nachgedacht werden.

Mikrobiologische Therapiemöglichkeiten

Als Therapiemöglichkeiten gibt es mittlerweile Medikamenten, die aus dem patienteneigenen Stuhl produziert werde, so genannte Autovaccime. Der Vorteil: So lässt sich das individuelle mikrobiologische System eines Patienten wieder herstellen.
Weitere Möglichkeiten seien nichtantibakterielle Therapien, Präbiotika, hormonelle lokale Ersatztherapie sowie Präbiotika.

 

Erfahrungsaustausch im Klinikum Lüneburg

Bereits zum dritten Mal hatte das Klinikum Lüneburg im November zu einem Erfahrungsaustausch über die interdisziplinäre und interprofessionelle Diagnostik und Therapie der Interstitiellen Zystitis (IC) eingeladen.

Therapeuten, Ärzte und IC-Patienten trafen sich im Hörsaal des Klinikums Lüneburg zu einer interdisziplinären Fortbildung, die wieder gemeinsam mit der Interstitial Cystitis Association Deutschland e. V. (ICA) veranstaltet wurde. Folgende Schwerpunkte wurden vorgestellt:

  • komplementärmedizinische Therapieansätze
  • schmerztherapeutische Behandlungsansätze
  • verwechselbare gynäkologische Erkrankungen
  • das Reizdarmsyndrom und
  • die chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen

Definition und Ätiologie der IC machen Probleme

Zu Beginn der Veranstaltung stellte Dr. med. Björn Kaftan, Oberarzt in der Urologischen Klinik Lüneburg, die bekannte Problematik dieser Seltenen Erkrankung vor: “Nach wie vor wird weltweit lebhaft debattiert, wie sich das Krankheitsbild BPS/IC (chronisches Blasenschmerzsyndrom und interstitielle Zystitis) definiert, zumal - wie bei jeder anderen Erkrankung auch - die akkurate und effiziente Diagnose von der Akkuratesse ihrer Definition abhängt“.

Nach einer Definition der American Urological Association (AUA) handele es sich bei der IC um eine unangenehme Empfindung wie zum Beispiel Schmerzen, Druck und Unwohlsein von mehr als sechs Wochen Dauer. Bei dieser Harnblasenentzündung lassen sich keine Bakterien nachweisen. Die ICS (International Continence Society), die sich mit der Standardisierung der Nomenklatur, der diagnostischen und therapeutischen Verfahren sowie der Entwicklung von Leitlinien rund um die Harninkontinenz beschäftigt, definiert die IC als Erkrankung mit typischen zystoskopischen und histologischen Eigenschaften, ohne diese jedoch weiter zu spezifizieren.

Ein weiteres Problem bei der Diagnostik und Behandlung der IC ist nach Einschätzung von Dr. Kaftan die nach wie vor unklare multifaktorielle Genese. Möglicherweise werden unterschiedliche Erkrankungen aufgrund der gleichen Symptomatik unter einem Krankheitsbild zusammengefasst. Allen diesen Erkrankungen gemeinsam sei offenbar ein chronischer Blasenschmerz (mindestens über sechs Monate andauernd) mit Druckgefühl und Unbehagen. Hinzu komme mindestens ein weiteres Harnwegssymptom wie persistierender Harndrang oder eine erhöhte Miktionsfrequenz.

Kein Zusammenhang zwischen IC und BPS

Basierend auf einer aktuellen Publikation des schwedischen IC-Experten Prof. Magnus Fall sei es nun Zeit, zum Wohle der Patienten mit BPS/IC für eine endgültige Trennung der Begriffe IC und BPS zu sorgen. „Denn die Krankheit IC ist eine genau definierte Entität mit mehreren einzigartigen Merkmalen“, betonte Dr. Kaftan.

Anschließend wurden von Dr. med. Rainer Hennecke, Arzt für Innere Medizin (Winsen), die derzeitigen Kenntnisse zur chronischen Schmerztherapie vorgestellt, unter besonderer Berücksichtigung der therapeutischen Möglichkeiten bei der IC. „Das Ziel der Schmerzbehandlung bei IC-Pateinten ist zunächst die Verringerung der Schmerzen, aber auch eine bessere psychische Verarbeitung der Schmerzen und nicht zuletzt die Reduktion der Toilettengänge in der Nacht. Über die Zusammenhänge zwischen unserer Psyche und unserer Schmerzempfindung sprach der Diplompsychologe Friedrich Malzahn aus Hamburg.

Eine weitere Mitarbeiterin des Klinikum Lüneburg, die Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Dr. med. Tina Priesack, berichtete über die sogenannten „verwechselbaren gynäkologischen Erkrankungen“ im Zusammenhang mit den chronischen Unterbauchschmerzen bei der Frau. Von den etwa 15 in Frage kommenden Erkrankungen seien die Endometriose, die Ovarialzysten, die Uterusmyome und die Adhäsionen von besonderer Bedeutung für den Gynäkologen.

Der Gastroenterologe Professor Dr. med. Torsten Kucharzik (Klinikum Lüneburg) machte deutlich, dass es einen Verbindung zwischen IC und dem Reizdarmsyndrom (IBS) gibt. Denn er sieht ein häufig gemeinsames Auftreten dieser beiden Erkrankungen, was auf eine mögliche pathophysiologische Gemeinsamkeit hinweisen könnte.

Abschließend berichteten die Heilpraktikerin Mareike Reinke (Egestorf) über mikrobiotische Therapieansätze, der Osteopath Arnauld Devos (Adendorf) über seine Erfahrungen mit der Kinesiologie bei der Interstitiellen Zystitis und Jürgen Hensen (Euskirchen) über die Versorgungsmöglichkeiten sowie die derzeitige Versorgungssituation von IC-Patienten in Deutschland.

Psyche und Schmerz sind ein starkes Team

Während ein akuter Schmerz nur als Begleitsymptom einer Erkrankung oder Verletzung auftritt und somit eine Warn- und Schutzfunktion hat, kann sich chronischer Schmerz zur eigenständigen Krankheit entwickeln. Ein kausaler somatischer Auslöser wird häufig nicht gefunden. Das bedeutet, dass dieser chronische Schmerz auch nicht behoben werden kann.

Über den Zusammenhang zwischen Psyche und Schmerz bei chronischen Schmerzpatienten berichtete der Diplompsychologe Friedrich Malzahn aus Hamburg. „Wir benötigen den Schmerz, um zu erkennen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Psychologen behandeln nicht nur den Patienten, sie versuchen auch, etwas mit ihm gemeinsam zu tun. Schmerzpatienten reagieren auf Schmerzen wie auf eine Gefahr. Dies erzeugt Stress und unser Gehirn wird auf Handeln umgeschaltet“.

Jeder Mensch mit chronischen Schmerzen durchläuft vier Phasen:

  • die Phase der Sorglosigkeit
  • die Phase der Vorbereitung
  • die Phase der Handlung
  • die Phase der Aufrechterhaltung

Hat er alle Phasen durchlaufen, fängt er an darüber nachzudenken, was er persönlich tun kann, um seine individuelle Situation zu verbessern. Er probiert verschiedene Maßnahmen aus, die ihm Linderung verschaffen können wie zum Beispiel Entspannungsübungen oder Autogenes Training. oder Muskelentspannung. Da erfahrungsgemäß nicht jeder Mensch für jedes Entspannungsverfahren geeignet ist, gehört es zu den Aufgaben des Psychologen, ihn zu beraten und ihn zu begleiten.

Abschließend stellte der Psychologe Friedrich Malzahn ein Buch über Entspannungsverfahren (Vaitl und Petermann: Entspannungsverfahren) und einen Fragebogen-Katalog (FF STABS) vor, die sich beide in der Betreuung von chronischen Schmerzpatienten als hilfreich erwiesen haben.

Entspannungsverfahren
Das Leben des Menschen ist eingespannt in Zyklen der Anspannung und Lockerung, der Aktivität und der Ruhe. Zu einem Leben, das Anstrengung und Mühe verlangt, gehören Phasen der Ruhe, Entlastung und Entspannung. Wir alle wissen, dass Belastungen, die die Kräfte des Körpers übersteigen, ebenso Schaden anrichten können wie lange Phasen der Passivität und Immobilisation (z. B. aufgrund erzwungener Bettlägerigkeit). Menschen nutzen vielfältige Möglichkeiten, um dem Körper Erholung zu gewähren und Wohlbefinden zu erzeugen. Sie reichen vom Dösen, Abschalten, Ausschlafen, Meditieren bis hin zu Aktivitäten wie Sporttreiben, Tanzen, Singen und Spielen.
Die Anwendung in klinischen Kontexten bringt eine exaktere, im Vergleich zur Alltagssprache differenziertere Auffassung des Konzepts »Entspannung« mit sich. Während im Alltag meist nur das subjektive Gefühl des Entspannt-Seins oder die damit verbundenen Tätigkeiten gemeint sind, unterscheiden professionelle Anwender zwischen vegetativen, hirnelektrischen und interozeptiven Entspannungskomponenten. In diesem Zusammenhang sind auch pharmakologische Aspekte bedeutsam und zu berücksichtigen.
Vaitl und Petermann: Entspannungsverfahren

Angewandte Kinesiologie bei der interstitiellen Zystitis

„Die IC ist eine Krankheit mit vielen Begleitsymptomen. Dank eines speziellen Testverfahrens ermöglicht es die Kinesiologie, wichtige Aspekte schneller zu bearbeiten und den Stress im Körper zu reduzieren“, erklärte der Osteopath und Physiotherapeut Arnauld Devos aus Adendorf. Dies gelte insbesondere für das vegetative Nervensystem. Denn durch die Aktivierung besonderer Reflexpunkte könnten schwache Muskeln wieder normoreaktiv werden. Die Methode sei stark von der chinesischen Medizin geprägt und stütze sich auf diese ganzheitliche Herangehensweise.

Bei der IC werden die Muskeln der Beckenmuskulatur sowie alle mit dem kleinen Becken in Bezug stehenden Muskeln getestet. Ein schwacher Muskel kann durch Dehnung und Kontraktion einige Sekunden lang stark werden. Dieses Phänomen bezeichnet man als Autofazilitation. „Lässt sich diese nicht provozieren, sprechen wir von einer Injury“. Das bedeutet, dass der Körper einen Stress gespeichert und sich anhand eines besonderen Musters organisiert hat. Bei der IC liegt die Injury häufig direkt auf der Blase, sodass jeder Harndrang einen erneuten Stressfaktor darstellt.
Aus diesem Grund sind auch stets Begleitsymptome wie Migräne, Rückenbeschwerden, depressive Verstimmungen, Bauchschmerzen usw. zu finden, betonte Devos.

Bei dieser Therapie wirken Elemente aus der Osteopathie, der manuellen Therapie, dem psychoemotionalen Release und der chinesischen Medizin zusammen, deren Ziel eine Stärkung dieser schwachen Muskeln ist.
Bei sehr geschwächten Patienten kann es schwierig sein, einen aussagekräftigen Muskeltest durchzuführen. In diesen Fällen seien andere Testverfahren besser geeignet, betonte der Therapeut.

Die angewandte Kinesiologie ist ein alternativmedizinisches Diagnose- und Behandlungskonzept aus der Chiropraktik. Sie beruht auf der Annahme, dass sich gesundheitliche Störungen als Schwäche bestimmter Muskelgruppen manifestieren. Zentrales Werkzeug der Kinesiologie zur Diagnose solcher Störungen ist der sogenannte „kinesiologische Muskeltest“.

Die erweiterte Injury-Recall-Technique stellt einen wesentlichen Baustein der Behandlung mit Applied Kinesiology dar. Chronische Beschwerden und ein ausbleibender therapeutischer Erfolg indizierter Therapien gehen häufig auf alte Verletzungsmuster zurück, die im Körper immer noch aktiv sind. Sie verursachen einen "anhaltenden Fluchtreflex" und können so neben chronischer Erschöpfung und instabilem Muskelsystem alle Symptome eines geschwächten Immunsystems verursachen. Die erweiterte "Injury-Recall-Technique" geht in ihrer ursprünglichen Form auf den amerikanischen Chiropraktiker Walther Schmitt zurück. Sie wurde durch die deutschen Ärzte Dieter Becker und Martin Brunck zu einem komplexen Behandlungsweg weiterentwickelt, mit dem verschiedene Aspekte von alten Verletzungsmustern und Traumata effektiv aufgelöst werden können.

Grundlage dieser Technik ist die Beobachtung, dass viele Patienten nach einer Verletzung oder einer Operation nicht wieder die volle Leistungsfähigkeit erlangen. So kann eine Verletzung in der Körper-Erinnerung fortbestehen und auch zu Störungen führen, die vordergründig gar nicht zur Verletzungsregion in Beziehung zu stehen scheinen. Neurologisch gesehen, ist die Verletzung bei diesen Patienten immer noch präsent.

Mikrobiotische Behandlung der IC

Noch bis vor einigen Jahren galt unser Darm als Waisenkind der Wissenschaft. Heute weiß man, dass der Darm ein sehr viel komplexeres Organ ist, als bisher angenommen. Prozesse in der Dünndarmwand sind maßgeblich an der Immunabwehr beteiligt. Durch den therapeutischen Einsatz verschiedener Bakterienstämme, den sogenannten Probiotika, kann der positive Einfluss bestimmter Mikroorganismen auf unser Immunsystem genutzt werden, berichtete die Heilpraktikerin Mareike Reinke aus Egestorf. Probiotika enthalten Darmbakterien, die die gesunde Darmflora wiederherstellen.

Durch die häufige Anwendung von Antibiotika werden bekannterweise nicht nur die pathogenen Keime, sondern auch die sogenannten „gesunden Darmbakterien“ vernichtet. Dadurch kommt es zu einem übermäßigen Wachstum der pathogenen Keine wie zum Beispiel Clostridium difficile und Candida albicans.

 

  • 1
  • 2
  • 3

über uns

Der Verein "ICA-Deutschland e. V." - gemeinnützige Gesellschaft und Förderverein Interstitielle Cystitis - wurde am 19.08.1993 gegründet. In Europa ist er der erste vergleichbare Verein und weltweit der zweite nach den USA.

Seit über 20 Jahren kämpft der Förderverein für Interstitielle Cystitis(ICA) für mehr Aufklärung und Information von Ärzten und Öffentlichkeit, initiierte zahlreiche Forschungsprojekte und konnte dazu beitragen, dass sich Diagnose- und Therapiemöglichkeiten deutlich verbesserten.

weiterlesen

Ihr Kontakt zu uns ...

Sie haben Fragen oder Sie wollen uns etwas über sich mitteilen?

Sie haben etwas an uns zu kritisieren?

Dann nutzen Sie unsere Formular zur Kontaktaufnahme

Ihre Nachricht für uns

Impressum

ICA-Deutschland e.V. Förderverein Interstitielle Cystitis
MICA - Multinational Interstitial Cystitis Association
Herr Jürgen Hensen
Untere Burg 21
D-53881 Euskirchen

eingetragen im Vereinsregister Euskirchen unter der Nummer VR 913

vollständiges Impressum