Darm, Ernährung und Komplementärmedizin bei Blasenschmerzen

Dr. Elke Heßdörfer, Berlin

Bei chronischen Erkrankungen wird der Aspekt der Ernährung meist viel zu wenig bedacht. Da ist es manchmal nicht falsch auf das zu hören was Patienten selbst an beobachteten Zusammenhängen berichten. So ist schon seit längerem bekannt, dass bestimmte Lebensmittel, Gewürze oder Getränke zu einer Symptomverschlechterung führen. Die beiden Amerikaner Barbara Shorter und Robert M. Moldwin haben in ihrem Shorter-Moldwin-Food Sensitivity- Fragebogen eine Vielzahl von entsprechenden Lebensmitteln (s. Abb.) zusammengetragen.

Abb.: Nahrungsmittel aus der Shorter-Moldwin- Food -Sensitivity-Liste, besonders histaminhaltige oder –freisetzende mit * gekennzeichnet

 

Abb: Nahrungsmittel aus der Shorter-Moldwin- Food -Sensitivity-Liste, besonders histaminhaltige oder –freisetzende mit * gekennzeichnet
Koffeinfreier Kaffee Ananassaft* , Orangensaft
Koffeinhaltiger Tee *(gilt für schwarzen Tee) Tomaten*, Tomatenhaltige Produkte*
Cola Peperoni*
Softdrinks, Lightgetränke Meerrettich
Bier* Essig*
Champagner*, Rotwein*, Weißwein* Mononatriumglutamat*
Spirituosen and Cocktails* Aspartam-und acesulfamhaltige Süßstoffe, Saccharin
Grapefruit*, Zitronen*, Orangen* „Mexican food“*, “Thai food”*, “Indian food”*
Ananas* Chili*
Cranberrysaft, Grapefruitsaft Burritos

 

Was bei Ihnen unerwähnt bleibt, ist, dass es sich bei den meisten dieser benannten IC-Verstärker um histaminhaltige oder histaminfreisetzende Lebensmittel bzw. Substanzen handelt. Blickt man über den Tellerrand der Schulmedizin gibt es das Krankheitsbild der Histaminintoleranz bzw. Histaminunverträglichkeit, was schulmedizinisch, aber kritisch bewertet wird. So formuliert die S1-AWMF-Leitlinie „Vorgehen bei Verdacht auf Unverträglichkeit gegenüber oral aufgenommenem Histamin“ unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie e.V. , dass grundsätzlich Nahrungsmittelunverträglichkeiten objektiv viel seltener nachweisbar seien als subjektiv empfunden werden. Es gibt laut dieser Leitlinie keine verlässliche Laborbestimmung und auch keine bewiesene Therapie einer Histaminintoleranz. Histamin ist ein biogenes Amin und wird im Körper aus der Aminosäure Histidin gebildet. Histamin wird vorwiegend in Mastzellen gespeichert und ist einer der wichtigsten Vermittler allergischer, aber auch nicht-allergisch bedingter klinischer Reaktionen. Histamin wird vom Körper durch die Histamin-N-Methyltransferase und die Diaminoxidase (DAO) abgebaut. Auch über die Nahrung aufgenommenes Histamin wird über diese Abbauwege eliminiert.

Ein typisches Beispiel für eine Histaminunverträglichkeitsreaktion ist eine sogenannte Fischvergiftung nach Verzehr von verdorbenem Fisch. Die Symptome bei einer Histaminunverträglichkeit können mehrere Organsysteme betreffen und sind komplex. Plötzliche Rötung im Gesicht, Juckreiz am Körper, Reizdarmsymptome mit Übelkeit und/oder Erbrechen beziehungsweise Durchfälle und Bauchschmerzen können auftreten; aber auch Migräne, Naselaufen, Atemnot, Schwindel und Herzrasen sind möglich. Möglicherweise ist auch IC/BPS histaminausgelöst? Zumal Reizdarm und Migräne häufig bei IC-Betroffenen vorkommt. Die Schulmedizin empfiehlt als Therapie eine histaminarme Ernährung; die Gabe von Antihistaminika ist bei einer Unverträglichkeit von durch Nahrung zugeführtem Histamin studienmäßig nicht belegt. Manchmal kann die Einnahme von DAO 30 Minuten vor histaminreichem Essen hilfreich sein.

Eine ausführliche Lebensmittelverträglichkeitsliste zum Thema Histamin ist auf der Schweizer Internetseite www.histaminintoleranz.ch (https://www.mastzellaktivierung.info/downloads/foodlist/11_FoodList_DE_alphabetisch_mitKat.pdf ) zu finden. Abgesehen von den dort aufgeführten Lebensmitteln gilt, dass frisch zubereitetes Essen mit frischen Zutaten weniger Histamin enthalten. Zu erwähnen ist auch, dass nicht nur Lebensmittel, sondern auch Medikamente wie z.B. sämtliche Schmerzmittel, manche Antibiotika (z.B. Cephalosporine, Clavulansäure), Antidepressiva wie Amitriptylin und Röntgenkontrastmittel ebenfalls histaminfreisetzend oder DAO-hemmend sind (s. Abb.).

 

histaminfreisetzende oder DAO-hemmend Medikamente

Als Ursache für Reaktionen auf mit der Nahrung aufgenommenes Histamin wird zum einen eine Abbaustörung der DAO angenommen, die genetisch bedingt sein kann. Allerdings lässt die Bestimmung der DAO-Konzentration im Blut keinen Rückschluss auf die Enzymaktivität der DAO im Dünndarm zu. Eine andere Erklärung für eine Histaminintoleranz könnte eine Veränderung der Dünndarmdurchlässigkeit als Voraussetzung für die Entstehung der Symptome einer Histaminintoleranz sein. Die Nichtschulmedizinwelt nennt dies ein Syndrom des löchrigen Darms, auch Leaky-Gut-Syndrom genannt. Mögliche Auslöser sind z.B. Antibiotika, die das Darmmikrobiom verändern, Nikotin, Alkohol, Schmerzmittel oder Schwermetalle. Es kommt zu einer Schädigung der Darmepithelschicht, den sog. „tight junctions“, die normalerweise für einen kontrollierten Nährstoffdurchtritt vom Darminneren in den Blutkreislauf sorgen. Folge ist ein vermehrter Übertritt von Giftstoffen, sog. Endotoxinen, gramnegativer Darmbakterien, aber auch diverser allergen wirkender Nahrungsbestandteile wie z.B. Eiweisse, die zu einer Fehlaktivierung der Immunzellen, einer subklinischen Entzündung des Immunsystems, „silent inflammation“ genannt, führt. Das vermehrte Anfluten des Entzündungsvermittlers Histamin verstärkt zusätzlich diese Entzündung. „Silent inflammation“ gilt heute in der Nichtschulmedizin als Auslöser einer Vielzahl von Erkrankungen wie z.B. Arteriosklerose und Autoimmunerkrankungen. Und gerade Autoimmunerkrankungen sind nicht selten bei IC/BPS auftretend.

Zum Leaky-Gut –Syndrom passt auch eine Entdeckung, die die Arbeitsgruppe um Robert Hurst von der Oklahoma University 2015 machte: im Tierversuch mit Ratten fanden sie heraus, dass eine durch die Chemikalie Protaminsulfat ausgelöste Durchlässigkeitstörung der Blase zu einer vermehrten Durchlässigkeit der Dickdarmscheimhaut führte und umgekehrt die Gabe von Trinitrobenzolsulfonsäure (ist eine Chemikalie, die als Reizdarmmodell bei Ratten verwendet wird) eine vermehrte Durchlässigkeit der Blasenschleimhaut zur Folge hatte. Offensichtlich gibt es einen sog. Crosstalk zwischen Darm und Blase, was das gehäufte Auftreten gerade des Reizdarmsyndroms mit IC/PBS erklären könnte. Dass Histamin im Darm eine Rolle bei IC/PBS spielt ergab eine eigene Untersuchung: bei 65% der untersuchten 97 IC/BPS-Patientinnen fand sich eine Histaminerhöhung im Stuhl. Komplementärmedizinisch wird schon lange durch die Gabe von laktobazillenhaltigen Probiotika eine Reparatur der „tight junctions“ beobachtet. Histamin selbst kann durch Gabe von Löss oder mineralischen bzw. vulkanischen Gesteinsmehlen im Darm gebunden und eliminiert werden. Zusätzlich können sekundäre Pflanzenstoffe wie oligomere Proanthocyanidine (kurz OPC genannt). die z.B. in Traubenkernen sind, das histaminbildende Enzym Histidindecarboxylase hemmen. Aber auch die Gabe von immunmodulierenden E.coli-und Enterococcenhaltigen Arzneimittel helfen die gestörte Darmschleimhautbarriere wiederherzustellen. Dies führt aber auch zu einer Verbesserung der Immunabwehr, was sowohl wiederkehrende Harnwegsinfekte als auch die „silent inflammation“ positiv beeinflusst; denn 80% aller Immunzellen befinden sich im Darm, da die Darmschleimhaut mit ihrer 500 m² großen Oberfläche die größte Grenzfläche des Körpers zur Außenwelt darstellt und vor Eindringlingen wie ein Wall geschützt werden muss. Darüber hinaus trägt auch ein Mangel an Mikronährstoffen wie Vitaminen, Mineralstoffen und Aminosäuren, der aufgrund falscher Ernährung oder durch Dünger ausgelaugter Böden mehr und mehr bei den meisten Menschen zu finden ist, zu erheblichen Störungen in den biochemischen Prozessen des Organismus bei und fördert das Entstehen einer „silent inflammation“. Mit Tests wie intrazellulären Mikronährstoff-und Schwermetallanalysen sowie Darmmikrobiotabestimmungen lassen sich Defizite erkennen und therapieren. Neben einer Gabe von Probiotika und Substitution fehlender Mikronährstoffe in Form von Nahrungsergänzungsmitteln spielt die „richtige“ Ernährung eine entscheidende Rolle. Grundsätzlich gelten für eine optimale Ernährung folgende Kriterien: hoher Anteil an Faserstoffen und resistenter Stärke durch Gemüse (sog. Präbiotika),Verzicht auf Zucker und Getreideprodukte, Essen von fermentierten Nahrungsmitteln wie Kefir, Sauerkraut und Kimchi, wobei dies bei einer Histaminintoleranz anfänglich allerdings zunächst zu meiden ist, Proteinquellen nur aus nachhaltig-biologischer Landwirtschaft, Meiden von Pflanzenölen, wenig Obst (Fruchtzucker ist schädlicher als Haushaltszucker). Dieses antientzündliche Paleo-Ernährungskonzept hat sich in der Komplementärmedizin vor allem bei chronischen Erkrankungen als sehr vorteilhaft erwiesen. Schulmedizinische Studien bei IC/BPS gibt es dazu allerdings nicht.

Nicht zu vergessen ist außerdem die wichtige Bedeutung eines intakten Darmmikrobioms für die Psyche. Forscher sprechen inzwischen von der "Darm-Hirn-Achse“. Somit ist der Einsatz von Pro-und Präbiotika bei IC/BPS-Patienten, die oft unter Depressionen und Ängsten als Begleiterkrankung leiden, allein deswegen schon gerechtfertigt.

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