Interview mit Dr. Björn Theodor Kaftan

IC-Zentrum am Klinikum Lüneburg

Anfang 2018 ist das „Zentrum für Interstitielle Zystitis und Beckenschmerz“ am Klinikum Lüneburg vom ICA Deutschland als bis dahin drittes IC-Zentrum im deutschsprachigen Raum zertifiziert worden. Die interdisziplinäre Einrichtung ist an der dortigen Klinik für Urologie angesiedelt. Koordinator des IC-Zentrums Lüneburg ist der Leitende Oberarzt der Urologie, Dr. Björn Theodor Kaftan.

dr kaftan 115x175 Herr Dr. Kaftan, wo liegen die Schwerpunkte der Arbeit Ihres Zentrums?

Der Schwerpunkt unserer Arbeit mit IC-Patienten liegt gleichermaßen in der Diagnostik und der Therapie. Beides ist meiner Ansicht nach nicht voneinander trennbar.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung Ihres Zentrums? Wo sehen Sie die wichtigsten positiven Entwicklungspunkte?

Seit der Einrichtung unseres Zentrums, in dem Experten der Fachgebiete Urologie, Gynäkologie, Allgemein- und Viszeralchirurgie, Pathologie, Schmerztherapie, Neurologie, Ernährungsberatung, Psychosomatische Medizin und Physiotherapie eng kooperieren, und insbesondere der Zertifizierung durch den ICA Deutschland hat sich die Anzahl unserer Patienten gesteigert. Das bedeutet, dass wir mehr Betroffenen helfen können, die teilweise schon jahrelang ohne richtige Diagnose von Arzt zu Arzt geschickt wurden.

Wie funktioniert bei Ihnen die interdisziplinäre Zusammenarbeit?

Die erste Vorstellung der Patienten findet in der IC-Sprechstunde statt, in der nach ausführlicher Anamnese gemeinsam ein Diagnostik- und Behandlungsplan entwickelt wird. Empfohlene weitere Untersuchungen, wie etwa gynäkologische, proktologische und bei stationären Patienten auch neurologische, erfolgen in den Kliniken unseres Hauses. Eine Empfehlung der Vorstellung bei den Kooperationspartnern zur Umgebungsdiagnostik sowie auch Therapieempfehlungen, die außerhalb der urologischen Versorgung liegen, werden durch die Kooperationspartner umgesetzt. Die interdisziplinäre Besprechung der Fälle ist in das Kontinenzzentrum inkludiert. Wir haben eine insgesamt sehr gute Zusammenarbeit in diesem lokalen Netzwerk.

Erfolgt die Diagnosestellung durch das Zentrum schneller als bisher?

Im Vergleich zu der Zeit vor der Etablierung interdisziplinärer IC-Zentren erfolgt die Diagnosestellung heute in der Regel schneller als früher.

Sehen Sie mehr IC-Patienten in der Frühphase ihrer Erkrankung?

Dies ist statistisch nicht erfasst. Vom Gefühl her, stellen sich mehr Patienten mit noch nicht gestellter Diagnose vor als früher. Es kommen vor allem mehr Patienten aus Eigeninitiative und nach Eigenrecherche zu uns, als dass sie durch Ärzte aktiv geschickt werden. Zudem stellen sich mehr Patienten mit rezidivierenden bakteriellen Zystitiden vor.

Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf bzw. die wichtigsten Ansatzpunkte bei der Versorgung von IC-Patienten?

Überregional lässt die Umsetzung der Therapieempfehlungen durch manch niedergelassenen weiterversorgenden Arzt zu wünschen übrig. Auch lehnen etliche Urologen weiterhin die Diagnose ab. Selbst Universitätskliniken meinen, durch eine Biopsie die IC nachweisen oder ausschließen zu können, was nach derzeitiger Definition allerdings falsch ist. Insgesamt führt dies nicht nur zu einer großen Verunsicherung der Patienten, sondern auch zu Problemen bei der Verordnung und Einleitung spezieller Therapien. Im lokalen Netzwerk bestehen in der Regel keine Probleme bei der Verordnung der Therapien und der Weiterversorgung.

Hinzu kommen die fehlende Kostenübernahme durch die Krankenkassen für Therapien und die sehr zeitintensiven Patientengespräche.

Außerdem mangelt es an Informationen zu IC-erfahrenen Therapeuten – Krankengymnasten, Ökotrophologen, Naturheilkundlern, Osteopathen, Triggerpunkttherapeuten usw. –, was die Patientenversorgung überregional erschwert. Hier wäre ein durch den ICA Deutschland geführtes Zentralregister interessierter und informierter Therapeuten äußerst hilfreich.

 

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