Interview mit Chefarzt Dr. Albert Kaufmann

IC-Zentrum an den Kliniken Maria Hilf in Mönchengladbach

Das Zentrum für Kontinenz und Neuro-Urologie der Kliniken Maria Hilf in Mönchengladbach hat sich früh auf dem Gebiet der Interstitiellen Zystitis und des chronischen Beckenschmerzes spezialisiert. Als einziges IC-Zentrum am Niederrhein und im Rheinland bietet es Betroffenen Diagnostik und Therapie der seltenen Krankheit. Koordinator des IC-Zentrums, das im Sommer 2018 von der ICA-Deutschland zertifiziert wurde, ist Dr. Albert Kaufmann, der Chefarzt des Zentrums für Kontinenz und Neuro-Urologie.

Herr Dr. Kaufmann, wo liegen die Schwerpunkte Ihres Zentrums bei der Diagnostik und Therapie von IC-Patienten?

In unserem Zentrum kümmern sich unterschiedlichste Fachdisziplinen gemeinsam und gezielt darum, die richtige Diagnose zu finden. Dazu führen wir entsprechend der S2k-Leitlinie zur Interstitiellen Cystitis (IC/BPS) alle notwendigen Schritte durch. Das gilt für die Basis-Diagnostik und ebenso für zusätzliche Untersuchungen wie etwa Urodynamik und Blasenspiegelung mit diagnostischer Hydrodistension in Narkose inklusive Probeentnahme. Mögliche Differentialdiagnosen werden ausgeschlossen. Die Arbeit mit Fragebögen und Schmerzskalen gehört zum Standard.

Therapeutisch steht bei uns eine multimodale Therapie im Vordergrund, die dem Patienten angepasst wird. Die Behandlungsmöglichkeiten sind vielfältig. Durch eine enge Vernetzung zwischen dem Zentrum sowie niedergelassenen Ärzten und Therapeuten kann für Patienten ein individuelles therapeutisches Konzept entwickelt werden, in das die spezifischen Probleme des einzelnen Patienten sowie die bereits erfolgten therapeutischen Ansätze einfließen müssen. Sehr häufig erfolgt bei uns die „Electro Motive Drug Administration“ (EMDA). Bei dieser Therapie können instillierte Medikamente mit Hilfe eines elektrischen Feldes auch in tiefere Schichten der Harnblasenwand gezielt verabreicht werden. Für Patienten ist dieses Verfahren schonend und ohne gravierende Nebenwirkungen.

Welche Rolle spielt das Mikrobiom bei der Behandlung der IC?

Das Mikrobiom spielt dabei eine große Rolle. Nahezu alle Patienten werden gebeten, die intestinale Flora überprüfen zu lassen und gegebenenfalls die Darmflora wieder aufzubauen.

Wie behandeln Sie das Mikrobiom?

Ein gestörtes Mikrobiom behandeln wir entsprechend der Empfehlungen mit den passenden Mikrobiotika und zusätzlich mit einer angepassten Ernährung. Der gesundheitliche Einfluss der Darmflora reicht bekanntermaßen deutlich über die lokale Wirkung hinaus. Die Zusammensetzung einer gesunden Mikrobiota lässt sich zwar nicht exakt definieren, jedoch wird eine hohe Vielfalt der Bakterienstämme generell als günstig betrachtet. Auf die Diversität hat die Ernährung wesentlichen Einfluss. Einseitige Ernährung mit wenig Ballast- und Mikronährstoffen wird für eine reduzierte Diversität verantwortlich gemacht.

Von Bedeutung ist auch das Verhältnis von Basen und Säuren im Organismus, das der Körper idealerweise selbst reguliert. Allerdings liefert die heutige Ernährung in der westlichen Welt deutlich zu viele Säureäquivalente, die der Körper kaum bewältigen kann. Ziel sollte es sein, säurelastige Lebensmittel auf ein gesundes Maß zu reduzieren und mehr basenreiche Nahrung aufzunehmen. Sehr nützliche Informationen dazu hat der ICA-Deutschland e.V. in seinem Ernährungsratgeber zusammengetragen.

Bestehen bei IC-Patienten Nahrungsmittelunverträglichkeiten?

Bei den Patienten in unserem IC-Zentrum stellen wir dies recht selten fest. Hin und wieder haben wir es mit Glutenunverträglichkeit und Laktoseintoleranz zu tun. Ich kann nur für unser Zentrum sprechen, ich weiß jedoch, das dies andernorts ganz anders aussieht. Auch in der Leitlinie zur Interstitiellen Cystitis ist festgehalten, dass 90 Prozent der IC-Betroffenen über Unverträglichkeiten gegenüber Nahrungsmitteln berichten. Umfragedaten deuten darauf hin, dass Zitrusfrüchte, künstliche Süßstoffe oder Zuckeraustauschstoffe, manche Tee- oder Kaffee-Sorten, kohlensäure- oder alkoholhaltige Getränke sowie scharfe Nahrungsmittel den Schweregrad der Symptome bei IC erhöhen können. Kontrollierte Methoden zur Identifizierung von potenziellen Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie etwa eine Ausschlussdiät spielen eine wichtige Rolle im Patienten-Management.

Besteht bei IC-Patienten eine Histaminintoleranz?

Auch dazu kann ich nur für unser Zentrum sprechen: Der Anteil unserer IC-Patienten, bei denen eine Histaminintoleranz festgestellt worden ist, liegt unter 5 Prozent. Oft können ihre Symptome einer überschießenden allergischen Abwehrreaktion des Immunsystems durch Gabe eines Antiallergikums bzw. eines Antihistaminikums gelindert werden.

Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf bzw. die wichtigsten Ansatzpunkte bei der Versorgung von IC-Patienten?

Die IC/BPS ist eine chronifizierte Erkrankung, die sowohl für die Patienten als auch für den Therapeuten oft schwierig und unbefriedigend verläuft. Für Patienten ist der Leidensdruck groß. Zugleich ist die IC-Erkrankung nicht so einfach zu diagnostizieren. Es gibt häufigere Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen. Entscheidend ist die genaue Anamnese und eine zielgerichtete Diagnostik. Dafür ist die Aufklärung der niedergelassenen Kollegen notwendig. Dies gilt besonders auch für die „Nicht-Urologen“, da Patienten dort zu oft verweilen. Die Behandlung der Patienten sollte umfassend, interdisziplinär und multimodal erfolgen. Eine möglichst enge Vernetzung zwischen niedergelassenen Therapeuten und spezialisierten Zentren ist wichtig und sollte weiter ausgebaut werden.

 

 

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Der Verein "ICA-Deutschland e. V." - gemeinnützige Gesellschaft und Förderverein Interstitielle Cystitis - wurde am 19.08.1993 gegründet. In Europa ist er der erste vergleichbare Verein und weltweit der zweite nach den USA.

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