IC viel zu unbekannt und häufig unterschätzt

Prof. Dr. Marc Possover sieht Handlungsbedarf – Ärzteschaft muss besser informiert werden

ZÜRICH – Neue medizinische Erkenntnisse und Sichtweisen führen nicht nur zu einer qualitativ bessern Behandlung, sie lassen das Krankheitsgeschehen in einem anderen Licht erscheinen und sie helfen, Symptome besser zu verstehen, wie das Interview mit Prof. Marc Possover zeigt. Sein von ihm vor rund 15 Jahren in der Schweiz entwickelter neuer Ansatz – die Neuropelveologie – hat heute große Bedeutung für eine leitliningerechte Versorgung der ICA.

Wo liegen die Schwerpunkte Ihres Zentrums bei Diagnostik und Therapie von IC-Patienten? Wie sehen Sie die Interstitielle Cystitis und die damit einhergehenden Schmerzen aus gynäkologischer, neurologischer und urologischer Sicht?

Der Schwerpunkt unseres Zentrums liegt generell in der Diagnose und Behandlung, aber auch in der Erforschung von „nervenbedingten“ Beckenschmerzsyndromen mit oder ohne Funktionsstörungen der Beckenorgane. Schmerz ist per Definition keine Erkrankung der Blase oder anderer Beckenorgane, sondern in erster Linie die Information „es tut weh“, die über die Nerven an das Gehirn geleitet wird. Ohne diese Transportfunktion der Nerven gäbe es keinen Schmerz. Natürlich können erkrankte Beckenorgane diese Information generieren und an die Nerven leiten. Die Nerven können diese Information aber auch selbst kreieren: entweder als Folge von Erkrankungen der Nerven (Tumore der Beckennerven, Endometriose der Beckennerven oder Verletzung der Beckennerven durch vorausgegangene chirurgische Eingriffe oder Bestrahlungen) oder als Folge eines „Reizes“ der Beckennerven, ohne dass sie erkrankt oder verletzt sind (Irritation der Nerven durch Krampfadern oder Narbengewebe im Becken).

Patientinnen mit einer bestätigten IC machen nur einen Teil unserer Beckenschmerzpatienten aus. Als Neuropelveologen stellen wir fest, dass die IC eine viel zu unbekannte und unterschätze Erkrankung in der Gynäkologie ist. Aber wir sehen auch, dass diese Diagnose zum Teil viel zu schnell als „Ausschluss-Diagnose“ gestellt wird, ohne dabei die S2k-Leitlinie zur Interstitiellen Cystitis erfüllt zu haben.

Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, die wahre Ursache der Schmerzen und Beschwerden zu finden und zu beheben. Welche Rolle spielt dabei die Betrachtung der Funktionen der Beckennerven im Rahmen der Neuropelveologie?

Da die Beckennerven praktisch nie „nur sensorisch”, sondern meistens sensomotorisch sind, leiden unsere Patienten praktisch immer gleichzeitig an Schmerzen und Funktionsstörungen. Da Schmerzen schwer zu erfassen sind, bleiben uns oft die Funktionsstörungen als einzig wertvolle, objektive Symptome übrig, um zwischen einer neurogenen und einer non-neurogenen Ursache unterscheiden zu können. Dabei handelt es sich nicht nur um Funktionsstörungen der Beckenorgane, sondern auch um die unteren Extremitäten. Zu den Schmerzen zählen nicht nur Unterleibs- oder Blasenschmerzen, sondern auch Coccygodynie, Vulvodynia, pudendale Schmerzen, tiefsitzende Rückenschmerzen oder Ischialgien. Bei der neuropelveologischen Untersuchung werden sowohl, die sensorischen als auch die motorischen Funktionsstörungen der Nerven erfasst. Hierfür wird systematisch ein Ultraschall der inneren Organe mit Messung des postmiktionellen Restharns, eine urodynamische Untersuchung und selbstverständlich eine neurologische Untersuchung der Beckennerven samt der Nerven der unteren Extremitäten durchgeführt. Die Erfassung all dieser Informationen ist grundlegend für eine bestmögliche Diagnosestellung. Die Qualität und Erfolgschancen der daraus resultierenden Therapie sind unmittelbar davon abhängig.

Wie läuft die Erstvorstellung von IC-Patienten in Ihrem Zentrum ab und worauf liegt Ihr Hauptaugenmerk?

Bei der ersten Vorstellung nimmt die Erfassung der Anamnese die meiste Zeit in Anspruch, eine neuropelveologische Sprechstunde dauert mindestens 90-120 Minuten. Dabei wird nicht nur die „gynäkologische Anamnese“ erhoben, sondern auch Aspekte aus der Neurologie, Urologie, Gefäßmedizin, Orthopädie und Neurochirurgie, sowie die detaillierte Erfassung der Symptome und die Abfolge ihres Auftretens werden hinzugezogen. Eine neuropelveologische Anamnese ist interdisziplinär und wird vom Neuropelveologen zusammengeführt.

Wie behandeln Sie IC-Patienten, die unter starken Schmerzen leiden?

Zur Schmerztherapie bei der IC liegt derzeit noch kein einheitliches Behandlungskonzept vor. Daher behandeln wir die Schmerzen aus neuropelveologischer Sicht und betrachten diese Schmerzen nicht primär als eine Erkrankung der Blase, sondern als eine Erkrankung oder Reizung der Beckennerven. Die Diagnose einer IC schließt nicht eine weitere Ursache für neuropathische Beckenschmerzen aus. Stellt sich eine Patientin in unserer Sprechstunde mit einer diagnostizierten IC vor, läuft unsere neuropelveologische Sprechstunde wie bei einer Erstvorstellung ab. Wir versuchen immer, eine mögliche Ursache zu finden, um diese behandeln zu können, anstatt nur die Symptome zu therapieren.

Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf bzw. die wichtigsten Ansatzpunkte bei der Versorgung von IC-Patienten?

Wichtigster und zugleich schwierigster Ansatzpunkt bei der Versorgung von IC-Patienten ist die Diagnosestellung. Den größten Handlungsbedarf sehe ich denn auch in der Information der Ärzteschaft über diese Erkrankung. Zum einen, um die Diagnose nicht zu verfehlen und die Patienten möglichst früh an Spezialisten weiterleiten zu können. Zum anderen aber auch, um zum Beispiel nicht jede Pollakisurie ungerechtfertigt als IC zu benennen. In beiden Situationen könnten die Patienten leicht in die „Psycho-Schublade“ geraten und ungerecht behandelt werden, anstatt eine ursachenbehandelnde Therapie zu erhalten. Als sehr problematisch sehe ich daneben auch die fehlende Kostenübernahme der Krankenkassen für die sehr zeitintensive und umfangreiche Betreuung der IC-Patienten.

 

 

 

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Der Verein "ICA-Deutschland e. V." - gemeinnützige Gesellschaft und Förderverein Interstitielle Cystitis - wurde am 19.08.1993 gegründet. In Europa ist er der erste vergleichbare Verein und weltweit der zweite nach den USA.

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